Pinsk – seine Heimatstadt
Pińsk, Pinsk, eine Stadt im süd-westlichen Weißrussland, im Zentrum Polessiens, wo der Fluss Pina in den Prypjat Mündet. 123,800 Einwohner (1991).
Erstmals erwähnt 1097. Hauptstadt des souveränen Fürstentums Pinsk. Vom XIII bis zum XVI Jh. unter Litauischer Herrschaft, seit 1569 zu Polen gehörig. Im Zeitalter der Teilungen Polens von Russland besetzt (1793). Ab 1920, nach dem polnisch-russischen Krieg, wieder in den Grenzen der Republik Polen. Im September 1939 durch Russen besetzt und in die UdSSR eingegliedert. Gehört seit 1991 zum unabhängigen Weißrussland.
Kleiner Industriestandort - Schiffsbau (Bau und Überholung von Flussschiffen), Holz-, Textil- und Lebensmittelproduktion. Verkehrsknotenpunkt und Binnenhafen.
R. Kapuściński über Pinsk und Polessien
(...) Gestern (30.06.97) kam ich aus Pinsk zurück. Pinsk das sind heute drei Städte. Es gibt also:
- das alte Pinsk. Erdgeschoss- oder einstöckige Häuser inmitten von Gärten und Obstgärten, hier und dort Holzzäune, verzimmerte Brunnen, gepflasterte Strassen, die früher Bednarska, Frniszkańska, Błotna (deutsch Böttcher-, Franziskaner-, Moor-Strasse – Anm. d. Ü.) hießen. Dieses Pinsk schrumpft, aber trotz Zerstörung und Dezimierung existiert es noch immer, man kann es noch besichtigen, sich über seine kleinstädtische romantische Existenz begeistern;
- sowjetisches Pinsk, der Chruschtschows und Breschnews, Stadt der grauen oder ziegelroten Wohnblöcke, schweren, primitiven, schlampigen Plattenbauten, schmutzigen, düsteren, unbeleuchteten Stadtvierteln;
Pinsk der 90-Jahre, Nach-Pierriestroika, Neureichen, mit Villen, nur für Auserwählte, für Gewinner, Paradies Neuer Weißrussen, Neuer Russen. (...)
Lamipadium IV Ryszard KapuścińskiIn Polessien war der Elend grauenvoll, einfach unvorstellbar. Und immer noch ist da Elend. Man kann also sagen, dass meine Wurzeln in Armut stecken blieben. Wohl deshalb ist bei mir ein Interesse für die Dritte Welt aufgekommen. Ich konnte sie verstehen und mich dort wie Zuhause fühlen.
Das Haus meiner Kindheit sehe ich wie durch Nebel. Jetzt habe ich eine Vorstellung von ihm, weil es mir gezeigt wurde, als ich 1979 Pinsk besuchte. Pinsk war eine kleine Ortschaft, in der nur wenige Polen wohnten, also kannten sich alle wenigstens vom Sehen her. Polen stellten lediglich paar Prozent der Bevölkerung von Pinsk. 10% - das waren Weißrussen und Litauer, der Rest, ca. 73% - Juden. Den Vorkriegsstatistiken zufolge gehörte Pinsk zu den am meisten jüdischen Städte Polens.
Dortige Polen waren vorwiegend - wie man heute sagen würde - zugewanderte Elemente, eigentlich ohne eine Möglichkeit hier festzuwachsen. Wenn jemand festwuchs in Polessien, dann vorwiegend der Kleinadel mit einem polnischen Stammbaum oder so weit polnisiert, dass er sich für polnisch hielt. Jener Adel aus Polessien war nicht sehr reich im Vergleich, wenigstens, zu kleinpolnischen Gutsbesitzern - er war geradezu arm. Reich waren die Radziwiłłs, die sehr viele Güter in Polessien besaßen. Aber das ist ja eine völlig andere Sphäre.
Hingegen sollte man diese gewöhnlichen Polen aus Pinsk in drei Kategorien aufteilen. Die Erste, zahlreichste, bildeten die Militärs. In Pinsk stationierte das 84. Königliche Infanterie- und Schützenregiment. Außer der Infanterie befand sich hier auch die Flusskriegsmarine. Als im September 1939 die Rote Armee diese Gebiete besetzte, haben die Matrosen ihre Schiffe auf umliegende Seen rausgefahren und versenkt. Wegen des niedrigen Wasserstandes gingen sie nur zum Teil unter. Noch lange Zeit danach ragten sie über den Wasserspiegel hinaus. Abgesehen von den Militärs, bildeten auch Geistliche eine zahlenmäßige Gruppe. In Pinsk gab es natürlich eine katholische Kirche. Die Stadt war als ein Jesuitenstandpunkt weit über die Grenzen Polens bekannt, eines der meist geschätzten in Europa. Schließlich die dritte Kategorie, wohl am wenigsten zahlenmäßige, - Lehrer. Meine Eltern gehörten der dritten Kategorie an. Sie waren keine Poleschuken*. Mutter kam aus dem Krakauer Umland, aus Salzberg (polnisch Bochnia – Anm. d. Ü.) und Vater aus dem Gebiet um Kielce.
Nach der Bildung der II. Republik begangen die Behörden Polessien zu repolnisieren. Jungen Menschen, die nirgends eine Anstellung finden konnten, bot man Posten in Polessien an, unter anderem im Schulwesen. Mein Vater ging dort hin und schrieb sich am Lehrerseminar in Pruschany ein. Dieses Seminar absolvierte auch Piotr Jaroszewicz**. Vater arbeitete erst in Unieniec und dann in Pinsk. Ich vermute, dass er meine Mutter kannenlernte, als er in Pinsk arbeitete. Ich bedauere, dass ich so wenig über dies Thema weiß.
Ich wurde im Jahr 1932 geboren, also war ich erst 7 Jahre alt, als der Krieg ausbrach. Später habe ich mich für Pinsk und Polessien nicht viel interessiert. Wie Sie wissen, ist meine Aufmerksamkeit weit davon abgekommen. Mehr kann ich über Afrika, Südamerika und den Nahen Osten sagen.
In meiner Erinnerung blieben, aus dieser Zeit, einzelne Begebenheiten, Bruchstücke, Eindrücke, Farben und Lichtstrahlen. Und so zum Beispiel erst nach Jahren habe ich von dem Brand im Jahr 1935 erfahren. Ich erinnere mich nicht an ihn, aber es blieb der Eindruck eines Lichtstrahls, von etwas schrecklich hellem. All das ist sehr literarisch, vergänglich, hart unterstützt mit Fakten und unbedingter Gründlichkeit. Sogar etwas spätere Ereignisse sind verwirrt und durcheinander.
(Ryszard Kapuściński im Gespräch mit Barbara Hołub, "Przekrój", 24.09.92)
* polnisch Poleszuk - eine andere, polnische, Bezeichnung für Bewohner dieses Teils des nach 1945 an die Sowietunion verlorenen Ostpolens; kommt von Polesie polnisch für Polessien
** Späterer kommunistischer Premierminister Polens
(...) in ihm findet man eine beträchtliche Passage über Pinsk, wo ich mal im Haus an der Perec-Str. 43 (heute Suworow-Str.) geboren wurde und bis 1940 wohnte. Es blieb nur sehr wenig von diesem meinem Vorkriegspinsk übrig. Vor dem Krieg hatte diese Stadt ihren eigenen architektonischen Charakter, der in Zeiten der UdSSR verloren ging. Völlig anders war in Pinsk die ethnische Zusammensetzung - 73% der Bewohner waren Juden (keine andere Stadt der Welt hatte damals einen so großen Anteil jüdischer Bevölkerung), 10% - Polen. Heute leben dort vorwiegend Russen und Weißrussen, es blieben nur 200 bis 300 Polen. Betagte Bewohner des alten Ostpolens sind wegen des heutigen Zustands von Pinsk bedrückt. (...)
Ryszard Kapuściński
Ausschnitt der Rezension des Buches "Polessiens Zauber"
von Grzegorz Rąkowski


